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Die unsichere Wirtschaftslage löst Ängste aus und macht nervös. Kein Wunder, dass in vielen Firmen das Klima oft eisig ist, Konflikte an der Tagesordnung sind und gemobbt wird auf Teufel komm raus. Doch die Gemobbten sind nicht hilflos. Es gibt Gegenstrategien.
Morgen für Morgen schleppen sich mehr als 1,4 Millionen Deutsche mit bangen Gefühlen ins Büro. Weil sie wissen, dass sie auch heute wieder schikaniert, abgewertet, ausgelacht und ausgegrenzt, kurz: gemobbt, werden. Wobei die Dunkelziffern mindestens doppelt so hoch ist, wie die Frankfurter Fairness-Stiftung für Führungskräfte weiß. Fast alle Mobbing-Opfer schlucken die offenen oder versteckten Angriffe ihrer „Kollegen“, aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.
Durchhalten um jeden Preis heißt die Devise. Manche tun dies, indem sie so unauffällig bleiben wie möglich, andere, die stabiler sind, indem sie selbst anfangen zu hauen und zu stechen.
50 Milliarden Schaden
Dabei verleugnen die Mobber, dass sie mit ihrer Strategie letztlich nur sich selbst schaden. Denn der volkswirtschaftliche Verlust, der jährlich durch Mobbing, innere Kündigung oder Flucht in Alkohol verursacht wird, erreicht mittlerweile astronomische Höhen. Er liegt, so Forscher der Fachhochschule Köln, bei annähernd 50 Milliarden Euro. Geld, das nicht ausgegeben werden kann und somit auch nicht hilft, Arbeitsplätze zu sichern.
Wie läßt sich gegensteuern? Für die Darmstädter Kommunikationsberaterin Dorothee Kraus ist Mobbing kein individueller "Unfall", sondern ein Problem der Gesamtorganisation. "Mobbing kann nur dort gedeihen, wo das Betriebsklima schlecht ist; und das Klima wird in erster Linie durch die Vorgesetzten bestimmt".
Tatsächlich sind die Führungskräfte im Unternehmen meist direkt oder indirekt an Mobbingaktionen beteiligt. Manchmal initiieren sie ein solches Verhalten, manchmal dulden sie es, oft leugnen sie es. Fakt ist, dass Vorgesetzte bei mindestens der Hälfte aller Mobbingfälle bewusst mitmischen, wie Studien belegen. Dies nicht nur in der Linie, von oben nach unten, sondern auch untereinander im eigenen Dunstkreis. Gerade hier trifft es vor allem die älteren Führungskräfte ("Bossing"), die nicht mehr ins Konzept passen und relativ teuer sind. Sie werden nicht selten von jüngeren Vorgesetzten (oft mit Billigung von ganz oben) systematisch gedemütigt, bis sie psychisch völlig fertig sind und von sich aus kündigen.
Vielfältige Gründe
Die Gründe für derartige Intrigen sind vielfältig. Zum einen wollen Führungskräfte durch ihre Mobbingaktivitäten die eigene Position schützen – quasi schon im Vorfeld möglicher Interventionen. Zum anderen fördert die Firmenstrategie geradewegs ein solches Verhalten. "Wer mit wenig Personal immer neue Aufträge an Land zieht und bei mehr Arbeitsbelastung immer noch höhere Qualität erzielen will, kann nicht ernsthaft glauben, dass das Betriebsklima in Ordnung bleibt", betont Norbert Copray, Direktor der Frankfurter Fairness-Stiftung, einzige Anlaufstelle in Deutschland für gemobbte Führungskräfte.
Der Preis dieser Strategie ist hoch: Gute Mitarbeiter gehen, die Übrigen sind häufig krank. Zwangsläufig. So gilt als gesichert, dass Mobbing oft gravierende gesundheitliche Schäden nach sich zieht: Erschöpfungszustände, Angst, Depressionen, Herzbeschwerden, Bluthochdruck. Was zur Folge hat, dass das angepeilte Push-Niveau langfristig nicht zu halten ist. Hinzu kommt: Diejenigen, die verbittert das Feld räumen, verschaffen der Firma ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit - das "Ausbeutungssystem" wird zum Bumerang.
"Immerhin", so Copray, "haben einige lernfähige Firmen die Falle erkannt und sich an uns gewandt, um gemeinsam neue Strukturen zu finden und die Verantwortlichen in Seminaren zu mehr Fairnessbewusstsein zu schulen". Oft legen wir dann nahe, eine lernende Organisation mit den Schwerpunkten Werte- und Fairnesskultur aufzubauen und ein Angst-, Konflikt- und Beschwerdemanagement zu implementieren. Manchmal reiche es aber auch schon, die Kultur der Mitarbeitergespräche zu vertiefen – einschließlich "Erfolgskontrolle".
Lipppenbekenntnisse statt Lösungen
Leider sind viele Vorhaben in dieser Richtung in der Praxis nach wenigen Monaten oft nur noch Lippenbekenntnisse, und die tägliche Leistungsmühle hat die Beschäftigen schon bald wieder am StressWickel. Für Kommunikationsberaterin Kraus ist deshalb klar: "Einfache Lösungen gibt es nicht; es bedarf eines langen Prozesses, der an verschiedenen Stellen ansetzen muss".
Vorbild Frankreich
Inzwischen ist auch das politische Bewusstsein für die Mobbing-Problematik sensibilisiert. Zur Vorlage eines modernen Anti-Mobbing-Gesetzes nach dem Vorbild Frankreich hat es freilich noch nicht gereicht. In Frankreich muss, wer des Mobbings angeklagt ist, vor Gericht beweisen, dass sein Verhalten kein gezielter Psychoterror ist. Hierzulande wird umgekehrt argumentiert. Da muss der Gemobbte nachweisen, dass er durch Mobbing psychisch oder körperlich geschädigt wurde - ein schwieriges, oft unmögliches Unterfangen.
So nimmt kaum Wunder, dass die deutsche Justiz zwar immer mehr Mobbingfälle behandeln muss, aber nur wenige Kläger mit ihrer Klage Erfolg haben und Schadenersatz zuerkannt bekommen; viele werfen schon im Verlauf der langwierigen Prozesse entnervt das Handtuch. "Das Problem ist," weiß Kommunikationstrainerin Kraus, "dass man in der Regel keine Zeugen im Unternehmen findet, die bestätigen, dass gemobbt wurde – weil die meisten Kollegen Angst haben, selbst zum Opfer zu werden oder glauben, dass der Betroffene schlicht selbst an seiner Misere schuld ist".
Von Friedrich Maier, Trainer und Journalist, April 2004.
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