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Aus dem Innenleben eines entlassenen Mitarbeiters
"Mein Mann hilft dem Verlag gerade dabei, wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen." Auf diese Sprachregelung haben wir uns geeinigt, um Dritten gegenüber einen Tatbestand zu umschreiben, der ungeheuerlich ist und der mich wochenlang in einer Art Schockstarre verharren ließ: Ich bin gekündigt! Der Kündigung war die Ankündigung vorausgegangen. Angekündigt, das klingt so ähnlich wie angezählt: Sieben, acht, neun, aus!
Es war elf Uhr vormittags, als der Geschäftsführer mich zu sich einbestellte. Ich weiß noch, dass es hell war in seinem Zimmer. Und dass die Zimmerpflanze - ein Benjamini - in sattem Grün erstrahlte. Dann sagte er irgendwas von einer schlechten Nachricht, die er mir überbringen müsse. Ich hörte noch ein paar Satzfetzen, in den Wörter wie "Auftrag ersatzlos entfallen", "betriebsbedingt" und "Ihnen leider kündigen" fielen. Der Rest ist in meiner Erinnerung verschwommen. Bis auf die Krawatte meines Geschäftsführers, die ich fortwährend anstarrte. Ich glaube, dass sie gelb war. Oder war sie rot?
Eine Woche später lag dann die Kündigung auf meinem Schreibtisch. Wie sie in mein Büro hereinkam, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war sie durchs offene Fenster hereingeschwebt oder durch den Türspalt geschlichen. Es war ein Freitag Nachmittag, denn es ist immer Freitag Nachmittag, wenn die bad news kommen. Kaum jemand ist dann mehr im Haus, die meisten sind schon ab ins Wochenende. Man glaubt gar nicht, wie diskret dann alles ablaufen kann. Selbst aus den Zimmern derer, die noch da sind, dringt kein Laut.
Eine betriebsbedingte Kündigung also. Gott sei Dank nicht mehr, dachte ich noch. Eine Entlassung wäre weit schlimmer gewesen. Gekündigt ist schließlich nur die Vorstufe von entlassen. Und entlassen, wie sollte das auch gehen? Durch den Kamin? Über die Kanalisation? Es ging dann doch ganz einfach, durch die Tür nämlich, und die Tür stand ganz weit offen - denn ich war freigestellt, im Klartext, ich hatte meinen Schreibtisch schon vor der Zeit zu räumen.
Ich bin also entlassen, aus, ultimo! Eine Steigerung von entlassen gibt es nicht. Keiner ist entlassener als der andere. Also erst mal Anwalt, Arbeitsamt, Abfindungsangebot. Alles mit "A".
Ich klage. Wie viele andere klage ich vor dem Arbeitsgericht. Ganz laut klagen wir. Hört uns denn keiner? Leider klagen nicht alle gleichzeitig. Sonst würde ein vielstimmiger Klagegesang anheben bei den zighundert Klagen. So klagt jeder für sich allein.
Wenn der Arbeitgeber findet, mit Geld haut der Arbeitnehmer leichter ab, dann nennt man das Abfindung. Solten sie mich abfinden, dann hieße das zugleich, ich werde mich abfinden müssen. Mit dem Verlust meines Arbeitsplatzes. Ich will mich aber nicht abfinden. Auch nicht abfinden lassen. Warum sollten das andere für mich übernehmen, wenn ich es selbst schon nicht will? "Die meisten Klagen vor dem Arbeitsgericht enden mit einer Abfindung", sagt die Dame vom Arbeitsamt und gibt mir mit einem säuerlichen Blick zu verstehen: Machen Sie sich bloß keine Hoffnungen auf Wiedereinstellung.
In der Schlange im Warteraum 26 stehen bis zum Sachbearbeiter noch zwölf Personen vor mir. Alle arbeitslos. Ich zähle die letzten Haare auf der Fastglatze meines Vordermannes. Manchmals glaube ich, das Arbeitsamt gibt es gar nicht, es ist nur ein Traum. So wie neulich. Da träumte ich, mein Chef sei zu mir nach Hause gekommen und hätte zu mir gesagt: " Sie können morgen wieder bei uns anfangen. Herzlich willkommen!" In derselben Nacht träumte ich auch, meine Tante hätte sich von ihrem schweren Schlaganfall wieder erholt und stünde putzmunter und lächelnd vor mir. Doch dann bin ich aufgewacht.
Ja, ich muss gestehen, allmählich schleichen sich gewisse Probleme in Sachen Realitätswahrnehmung bei mir ein. So stehe ich neulich bei Schlecker an der Kasse, schaue in den großen, schräg über mir hängenden Spiegel und erblicke einen Mann mittleren Alters mit lichtem Haupthaar. Fast wäre ich versucht gewesen, mit dem Finger nach oben zu deuten und zu der schon ungeduldig wartenden Kassiererin zu sagen: "Der Herr war vor mir da!"
Meine Kündigung und ich - zur Zeit geht es mit unserer Gemeinschaft gar nicht gut. Heute morgen zum Beispiel wachte ich auf, Grundstimmung "dominant depressiv". Vielleicht war der Übergang in die Arbeitslosigkeit doch zu abrupt erfolgt und meine Kündigung und ich hattten zu wenig Zeit, uns aneinander zu gewöhnen. Sicher, ich habe jetzt viel mehr Muße für meinen kleinen Sohn. Doch da liegt noch so einiges unverdaut herum. Nicht umsonst beschreiben Psychologen insgesamt sechs Phasen der psychischen Bewältigung und Neuorientierung bei beruflichen Trennungs- und Veränderungsprozessen.
1. Phase: Schock; 2. Phase: Verleugnen; 3. Phase: Aggression; 4. Phase: Niedergeschlagenheit; 5. Phase: Trauerarbeit; 6. Phase: Neuer Selbst- und Weltbezug beziehungsweise berufliche Neuorientierung
Erwartungsgemäß löste die Konfrontation mit der schlechten Nachricht, von den Fachleuten auch "weitreichende Veränderungsbotschaft" genannt, in mir mehr aus als ein bloßes Gefühl des "Überraschtseins" (wie die schock- oder panikartige Reaktion im oben erwähnten Leitfaden auch umschrieben wird). Wenn dem Menschen eine soziale Verankerung wie die Arbeit weggerissen wird, "gerät er ins Schwanken und kommt unter Umständen in eine Identitätskrise", heißt es dort weiter. Er verliere im wahrsten Sinne des Wortes die Fassung.
Bis er dann irgendwann in Phase zwei hinübergleitet. Dass ich die "Veränderungsbotschaft" selbst verleugnet hätte, kann ich nicht bestätigen. Dazu war sie zu deutlich. Nicht wahrhaben wollte ich allerdings lange Zeit die Folgen, die damit einhergehen, sprich den Verlust meiner Stelle. Entsprechend dem üblichen Verlauf in Phase 2 hegte ich statt dessen die Hoffnung, "dass ich die erschreckende Realität noch beeinflussen, rückgängig machen oder zumindest günstiger gestalten" könne - bis zum heutigen Tag leider vergeblich. So wurde bei mir schon früh der Humus bereitet für Phase drei, die Aggression. Diese will sich immer und immer wieder gegen die Urheber meiner jetzigen Situation richten, und doch läuft sie letztlich ins Leere. Denn ich glaube, niemand ist schuld an meiner Entlassung. Der Verleger nicht, der Geschäftsführer nicht, der Verlagsleiter nicht. Nicht wirklich, wie es auf Neudeutsch heißt. Schuld bin mit Sicherheit aber auch nicht ich. Schuld an meiner Entlassung ist eine tragische Verkettung von hausgemachten Umständen.
Also flüchte ich mich bisweilen in eine große Niedergeschlagenheit (Phase 4). Mit der Trauerarbeit (Phase 5) als Vorstufe zur beruflichen Neuorientierung (Phase 6) habe ich allerdings auch nach einem halben Jahr noch nicht so richtig begonnen. Erstens arbeite ich zur Zeit nur sehr ungern. Und zweitens muss ich schon wieder besagten psychologischen Ratgeber zitieren, in dem es heißt: "Um die (von der Kündigung) betroffene Person zu erreichen und ihre Veränderung wirksam zu unterstützen, ist zeit- und situationsangemessenes Gesprächsverhalten des Führungspersonals erforderlich." So solle sich diese "Zeit nehmen für weitere regelmäßige Gespräche mit der betroffenen Person", und zwar "auf dem Boden von Akzeptanz und Verständnis, ohne die Entschlossenheit und die Rolle als Verantwortlicher für die Trennung zu verlassen". Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass diese begleitende Maßnahme bei mir zu kurz gekommen ist.
Vielleicht wird das bei meinem nächsten Arbeitgeber ja anders. Bei der Stadtsparkasse München zum Beispiel, wo ich zum ersten Vorstellungsgespräch seit meinem Rauswurf geladen bin. Die Stelle als "Leiter Interne Kommunikation" ist dort ausgeschrieben, und ich sitze einem Mann von der Personalabteilung gegenüber, der mir unerbittlich auf den Zahn fühlt. Wieso ich die Kopien meines Abitur- und meines Examenszeugnisses nicht dabei habe, will er beispielsweise wissen. Oder welche Erfolge ich bis dato in punkto Führungsverhalten vorweisen könne. Nicht, das ich die Antworten darauf schuldig geblieben wäre. Aber ob die von mir geschilderten Qualitäten ausreichen, um ausgerechnet als Bankneuling die Damen in der Abteilung auf die Ziele der Stadtsparkasse besser einzuschwören oder Jahresberichte abzufassen? Nein, es ist besser, dass ich den Job nicht bekommen habe. Dann muss ich mich auch nicht täglich in Anzug und Krawatte zwängen, um die neuesten Zahlen einer mir fremden Branche zu interpretieren oder dem Vorstandsvorsitzenden für alle möglichen Anlässe Reden zu schreiben.
Schon eher ist da die Wirtschaftskanzlei auf mich zugeschnitten, deren Kurzinserat ich wenig später in der Zeitung entdecke. "Halb- oder Ganztagskraft gesucht", ist darin zu lesen. Als studierter Jurist ist mir Rechtliches nicht fremd, denke ich und finde mich tags darauf in einem sterilen Neubau in der Nymphenburger Straße ein. Ich komme in Schale, die Krawatte sitzt ausgezeichnet und bürgt für Seriosität. Von der nicht ganz so gut gekleideten Dame, die mich empfängt, erfahre ich, dass es sich keineswegs um eine Anwaltskanzlei handele, sondern um einen Finanzdienstleister. Telefon-Akquise, Arbeit im Call-Center und längere Schulungen zum Finanzberater seien erforderlich, auf selbstständiger Basis natürlich, von einem Fixum könne keine Rede sein. Ich finde, die Stelle deckt sich kaum mit meinen Fähigkeiten und Interessen, sage aber nicht gleich ab, sondern vereinbare einen zweiten Gesprächstermin. Zu diesem erscheine ich in viel nachlässigerem Outfit als beim ersten Mal, was den Manager des Hauses aber nicht daran hindert, mich in feinstem Zwirn zu empfangen. "Ich glaube, Sie sind für die Stelle überqualifiziert", sagt er nach wenigen Minuten und ich stimme ihm erleichtert zu. Noch Fragen? Keine, wir tauschen noch die Visitenkarten aus, ein Höflichkeitsritual, das so viel heißt wie: Hoffentlich meldet sich der Andere nie wieder, ich tue es jedenfalls nicht!
Der dritte potenzielle Arbeitgeber ist eine Partnerschaftsvermittlung, die in höchsten Tönen die Chance anpreist, andere glücklich zu machen und dabei noch gutes Geld zu verdienen. 6 000 Euro im Monat und mehr seien drin. Warum nicht, sage ich mir. Ein kurzes Telefonat mit der Sekretärin offenbart allerdings, dass die Kleinigkeit von 6 000 Euro als "Startgeld" einzubringen seien. Und den Kundenstamm müsse man sich schon selber aufbauen. Hilfestellung von Seiten des Instituts? Fehlanzeige, vielmehr erwartet das Team, dass man seinerseits zum Florieren des Unternehmens beiträgt. Mein Elan ist so schnell geschwunden, wie er gekommen war.
Und sonst? Absagen über Absagen. Oft kommen sie erst nach Monaten, im besten Fall mit Sätzen wie: "Vielen Dank für Ihre Bewerbung auf die von uns ausgeschriebene Position. Wir waren sehr beeindruckt von Ihrer bisherigen erfolgreichen Berufslaufbahn, Ihren Erfahrungen und Leistungen. Wir bitten um Verständnis, dass wir ein ganz spezielles Bewerberprofil für diese Stelle suchen. Nach gründlicher Beurteilung Ihrer Unterlagen können wir Ihnen deshalb leider für diese Stelle keine positive Nachricht geben. Bitte werten Sie dies nicht als grundsätzliche Absage an Ihre Person ..."
Am schlimmsten sind die Montage. Wenn die meisten nach einem mehr oder minder erlebnisreichen Wochenende wieder ihren Arbeitsstätten zustreben, befällt den Daheimgebliebenen regelmäßig eine Art Phantomschmerz. Wo früher die wöchentliche Routine begann, ist nun plötzlich nichts mehr. "I don't like mondays" - den Song müssen die "Mamas and Papas" komponiert haben, als sie nach einer rauschenden Wochenendtournee in einem schmucklosen Hotelzimmer aufwachten, umgeben von leeren Bier- und Wodkaflaschen.
Jenseits der Stille muss es doch noch etwas anderes geben, denke ich in solchen Stunden dann und weiß nicht, was ich nun als erstes tun soll. Gitarre spielen? Joggen? Bewerbungen schreiben? Zeitung lesen?
Aber meine Situation hat ja auch Vorteile. Immerhin spüre ich mich jetzt wieder so richtig, bin wahren Wechselbädern von Gefühlen ausgesetzt und kann mich um das eine oder andere Wehwehchen kümmern, das ein in den Tiefen ausgelotetes Seelenleben so mit sich bringt. Kein täglicher Trott, keine Routine mehr. Statt dessen jeden Tag aufs Neue die Spannung, wie ich ihn gestalten werde. "Kündigt mir, ergo sum!" könnte man auch sagen.
Von S.H., April 2006.
Nach erfolgreichem Verlauf seines Gerichtsprozesses hat sich der Autor als freier Journalist selbstständig gemacht und ist heute vor allem als Reisejournalist und im Wellness-Bereich tätig.
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