
Aus Jobbrief DIE ZEIT, Oktober 2005, Stefanie Jordan:
Sind flexible Arbeitszeitsysteme die Loesung?
Die Arbeitslosenzahlen erschrecken. Doch die Experten wissen Rat. Wirtschaftsvertreter und Politiker empfehlen, die woechentliche Arbeitszeit zu verlaengern, um Lohnkosten zu senken, sowie die Lebensarbeitszeit zu verlaengern und damit die Rentenkassen zu entlasten. Mehrarbeit fuer alle bringt jedoch weder Wachstum noch zusaetzliche Jobs.
Unternehmen wie zum Beispiel VW fuehren die Arbeitszeitverkuerzung - ohne Lohnausgleich - ein, um den Beschaeftigten die Arbeitsplaetze zu sichern. Durch eine gerechtere Verteilung der Arbeitszeit unter der arbeitsfaehigen Bevoelkerung wuerden sogar zusaetzliche Arbeitsplaetze entstehen, sagen die Gewerkschaften. Das Einkommen sinkt dadurch aber auch - also nicht die optimale Loesung.
Der Sachverstaendigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung raet dazu, die Arbeitszeit weiter zu flexibilisieren. Denn neben der hohen Arbeitslosenquote gibt es noch ganz andere Probleme zu beruecksichtigen, zum Beispiel die unguenstige demografische Entwicklung in Deutschland. Einerseits werden Menschen immer aelter, andererseits kommen immer weniger Kinder zur Welt. Hauptgrund hierfuer ist die oftmals schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies ist wiederum nicht nur problematisch fuer berufstaetige Muetter, denn Arbeitszeitflexibilisierungen werden verstaerkt auch als Ziel betrieblicher Personalpolitik eingefordert, um die Arbeitszeit besser mit den privaten Interessen der Beschaeftigten zu verquicken.
Das Stichwort heisst "Work-life Balance", also das Gleichgewicht oder besser die Harmonie zwischen Berufs- und Privatleben. Um die Work-life Balance ihrer Mitarbeiter sind immer mehr Unternehmen besorgt, denn ein ausgeglichener Mitarbeiter ist gleichzeitig auch ein produktiverer Mitarbeiter.
Schlagen flexible Arbeitszeitsysteme also zwei Fliegen mit einer Klappe? Werden auf der einen Seite Arbeitsplaetze gesichert beziehungsweise sogar geschaffen, und erhalten auf der anderen Seite Beschaeftigte die Moeglichkeit, ihre Arbeitszeit zu verringern, um die persoenliche Freizeit aufzustocken? Von Vorteil sind flexibilisierte Arbeitszeiten sowohl fuer den Arbeitnehmer als auch fuer den Arbeitgeber: Der Beschaeftigte bestimmt selbst, wann er wie viel arbeitet und kann so seine privaten Beduerfnisse besser koordinieren. Umfragen belegen, dass mit der Souveraenitaet hinsichtlich der Planung bei den Beschaeftigten ausserdem die Zufriedenheit und die Motivation steigen - und damit die Loyalitaet. Betriebe koennen durch flexible Einsatzmoeglichkeiten der Mitarbeiter besser auf wechselnde Anforderungen, zum Beispiel saisonale Schwankungen, reagieren.
Und: Die flexiblen Arbeitszeitsysteme liegen im Trend: Heute arbeiten circa 80% aller deutschen Erwerbstaetigen in flexiblen Zeitrhythmen, viele davon in Teilzeit. Eine andere gaengige Form der Arbeitszeitflexibilisierung ist das Arbeitszeitkonto. Nachfolgend einige Anmerkungen zu beiden Modellen.
Teilzeit
Die Teilzeit ist die flexibelste aller Arbeitszeitformen; allein in Deutschland gibt es ueber 200 verschiedene Teilzeitmodelle. Die klassische Variante ist der Halbtagsjob, aber auch die Elternzeit, die Altersteilzeit oder Job Sharing gehoeren zur Teilzeit.
Mit der Einfuehrung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes zu Beginn des Jahres 2001 wurde die Teilzeitarbeit gezielt gefoerdert. Teilzeitarbeitnehmer erhalten seitdem offiziell dieselben gesetzlichen und sozialrechtlichen Leistungen und duerfen bei Aus- und Weiterbildungsmassnahmen nicht benachteiligt werden. Nach dem Willen des Gesetzgebers soll die Teilzeitbeschaeftigung nicht nur in Ausnahmefaellen moeglich sein, sondern auch in qualifizierten Berufen und Positionen fuer Frauen und Maenner gleichermassen selbstverstaendlich werden.
Bereits seit 1993 ist ein Anstieg der Beschaeftigten in Teilzeitarbeit zu verzeichnen: Arbeiteten 1993 noch 16% aller westdeutschen Arbeitnehmer in Teilzeit, waren es 2003 schon 26%. Teilzeit ist ueberwiegend frauenspezifisch, 87% aller Teilzeitbeschaeftigten sind Frauen. Der Grund hierfuer liegt in der guten Vereinbarkeit von Familie mit einer Teilzeitarbeit. Laut einer Studie des Instituts fuer Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wird es in den naechsten Jahren zu einer weiteren Verschiebung von Vollzeit auf Teilzeit kommen.
Der Arbeitgeber muss dem Wunsch nach einer Teilzeitbeschaeftigung nachkommen, falls nicht ein betrieblicher Grund dagegen spricht. Grundsaetzlich Anspruch auf Teilzeitarbeit haben Arbeitnehmer, die mehr als sechs Monate im Betrieb beschaeftigt sind und deren Arbeitgeber mehr als 15 Personen beschaeftigt. Weitere Informationen zur rechtlichen Situation erhalten Sie hier:
Arbeitszeitkonten
Neben der Teilzeit das bewaehrteste Modell. Arbeitszeitkonten ermoeglichen, die Dauer der Arbeitszeit abweichend von der tariflichen Regelarbeitszeit mal kuerzer, mal laenger zu gestalten. Die - in einem zu definierenden Rahmen - mehr gearbeiteten Stunden werden auf einem Konto gesammelt und koennen dann unterschiedlich abgegolten werden, je nach Angebot des Arbeitgebers. Moeglich sind einzelne freie Tage ohne das Urlaubskonto anzugreifen, laengere Auszeiten oder Sabbaticals, der vorgezogene Ruhestand oder eine finanzielle Verguetung.
Es geht auch anders herum: In einem bestimmten Umfang koennen auch Zeitschulden aufgebaut werden, die dann wieder ausgeglichen werden, wenn der Arbeitnehmer mehr arbeitet.
Eine besondere Form der Arbeitszeitkonten sind die Zeitwertkonten. Hier geht es nicht nur darum, Mehrarbeit in Urlaub umzuwandeln, sondern wie bei der betrieblichen Altersversorgung kann der Arbeitnehmer Teile seines Gehalts, Praemien oder auch das Weihnachtsgeld in diese Anlageform investieren. Je nach Dauer der Anlage sammelt sich ein Guthaben an, aus dem eine befristete Auszeit, ein Teilzeitjob oder der vorzeitige Eintritt in den Ruhestand entstehen kann - ohne Gehaltseinbussen.
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